#derkraichgauistmehr – Eschelbronn ist lebenswert

Ihr Lieben,

Roland Wolf, Hans-Peter Miesel, Rainer Heilmann und Manfred Schmitt – vier „Urgesteine“ aus Eschelbronn für die Eschelbronn nicht nur Heimatort, sondern „ganz einfach lebenswert“ ist. Bevor wir euch von dem Gespräch berichten und mitnehmen in eine spannende Zeitreise zurück in die Blütezeiten des Schreinerhandwerks, erzählen wir euch, wie die Zusammenarbeit zwischen dem Heimat- und Verkehrsverein Eschelbronn und uns entstanden ist.

Wie alles begann

Nach dem Bericht in der Rhein-Neckar-Zeitung über uns im Juni meldete sich Rainer Heilmann bei uns und bot uns eine Führung im Schreiner- und Heimatmuseum Eschelbronn an. Die Führung dauerte letztendlich mehrere Stunden und so richtig weg wollten wir nicht mehr. Zu spannend war alles. Oder wusstet ihr, dass ihr dort echte Meisterstücke von Schreinern bewundern könnt, eine unfassbar große Hammersammlung vorhanden ist und einen Kaufmannsladen, in dem man wirklich noch einkaufen kann? Wir kamen von einem Thema ins nächste, draußen probte der Musikverein und der Abend wurde immer länger. Danach war klar, irgendwie wollen wir zusammenarbeiten. Und aus diesem „irgendwie“ wuchs auf beiden Seiten der Wunsch sich der Geschichte des Ortes anzunähern und in die Ortsvorstellung von Eschelbronn einfließen zu lassen.

Hammersammlung im Heimatmuseum Eschelbronn. Copyright Hans-Peter Miesel.

So kam es schließlich, dass wir im September in der ausgebauten Pausenhalle des Museums zusammensaßen und uns über mehrere Stunden austauschten.

Die Pausenhalle vor dem Umbau. Copyright Hans-Peter Miesel.

Wir haben dieses Gespräch aufgezeichnet und mal schauen – vielleicht stellen wir euch die Aufnahme ja auch noch zur Verfügung oder machen einen Live Podcast daraus? Was haltet ihr davon? Nun aber erstmal viel Spaß beim Eintauchen in diesen #derkraichgauistmehr Bericht ! Wir haben immer wie O-Töne der Herren in den Text eingebaut. Diese sind dann in Anführungszeichen gesetzt.

Die vier Herren – eine Vorstellung

Roland Wolf, waschechter Eschelbronner, ist sicherlich den meisten von euch ein Begriff. Schon sein ganzes Leben lebt er in Eschelbronn. Er hat vor rund 15 Jahren von seinem Vater die Aufgabe übernommen für die RNZ über Eschelbronn zu schreiben. „Roland mach du des“ – seitdem schreibt er mit „voller Freude“ über alles, was im Dorf passiert. Im Heimat- und Verkehrsverein ist er Schriftführer und möchte so weiter machen „wie lange er kann“.

Hans-Peter Miesel kam am 29.Januar 1967 mit dem Zug das erste Mal nach Eschelbronn. Grund war die Einladung seiner damaligen Freundin (heutigen Frau). Die beiden sind auf den weißen Berg und dann nach Neidenstein auf die Burg und zum Tanz. Danach war klar „dort kann ich lebe“. Er hatte sich in dem Moment nicht nur in seine Ehefrau verliebt, sondern in den ganzen Ort. An der 1200 Jahr Feier wurde er für den Heimat- und Verkehrsverein geworben, er war 11 Jahre Vorstand und engagiert sich bis heute sehr für den Erhalt und den Aufbau des Museums. Die Pausenhalle beispielsweise haben sie in 6 ½ Jahren und mit 5500 Arbeitsstunden renoviert – sein größtes Projekt. Sein größter Enkel ist seit Geburt Mitglied im Heimat- und Verkehrsverein – „was muss, das muss!“

Rainer Heilmann ist absoluter Ureinwohner von Eschelbronn – die ersten Erwähnungen seiner Familie sind von 1658! Aufgewachsen mitten im Ort, kennt er die Schreinereien von innen und ist als Bub durch die ganzen Wälder rund um Eschelbronn gestreift. Inklusive der „Fehde“ mit den Neidensteiner Buwe, die entsprechend ausgetragen wurde. Beruflich bedingt war er jahrelang sehr viel unterwegs, Teil des Heimat- und Verkehrsverein ist er, seit er neun Jahre alt ist. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch einen Fanfahrenzug – 1974 wurde dieser dann aber aufgelöst. Seit 1992 ist er in der Vorstandschaft und seit 2003 erster Vorstand. Er lebt nicht nur gerne hier, er engagiert sich auch sehr, dass es schön ist im Ort – auch wenn es teilweise schwierig ist. „Wird nur was gemacht, wenn es monetär sinnvoll ist?“

Manfred Schmitt war das erste Mal im Alter von neun Jahren für den Heimat- und Verkehrsverein tätig und brachte Rechnungen zum Kassier. Seit 1961 ist er schließlich selbst offizielles Mitglied, seit 1971 im Vorstand (damals als jüngster Beisitzer) und seit 1990 für die Vereinskasse tätig. Aber nicht nur das: er setzte sich neben seinem bis heute andauerndem Engagement für Festschriften und Ortsführer als Bahnhofspate 10 Jahre lang ehrenamtlich für die S-Bahn Haltestelle in Eschelbronn ein und hielt den Bahnsteig sauber und kümmerte sich um den Ticketautomaten. Auch für die Eschelbronner Strophe des Badnerlieds ist er verantwortlich aber dazu später mehr.

v.l.n.r.: Manfred Schmitt, Roland Wolf, Rainer Heilmann und Hans-Peter Miesel. Copyright: Fabian Miesel.

Der Heimat- und Verkehrsverein

Der Heimat- und Verkehrsverein mit seinen 126 Mitgliedern ist vor allem für die Arbeiten in Bezug auf das Schreinermuseum bekannt. Aber die Aufgaben sind wesentlich vielfältiger. Rainer Heilmann spricht von „Kleinigkeiten“, um die sich die Mitglieder kümmern. In unserem Gespräch haben wir diese Kleinigkeiten näher beleuchtet. Der Verein organisiert in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen auch viele kulturelle Ereignisse im Ort – vom Martinsumzug, über den Kerweumzug, bis hin zum Seniorennachmittag. Daneben werden Grenzsteine restauriert, es gibt immer wieder Kooperationen mit der Schule, das Ferienprogramm, die Führungen im Museum und und und. Unfassbar, wie viel von dem Verein vorangetrieben wird. Mit 126 Mitgliedern fragen wir? Lachen auf der anderen Seite. Aussage von Rainer Heilmann „mit um die fünf mit 126 im Rücken“ – damit meint er, dass bei benötigter Hilfe alle da sind aber natürlich ist es der harte Kern, der es vorantreibt! Alle vier sind sich weiterhin über besonders eine Sache einig – das Engagement von Ihnen ist nur möglich, da Ihre Familien sie hierbei unterstützen.

Wusstet Ihr eigentlich, dass der Verein ursprünglich als Gewerbeverein zur Unterstützung der ansässigen Unternehmen gegründet wurde? Daher waren auch hauptsächlich die ganzen Schreiner und Handwerker Mitglied. Der Altersdurchschnitt des Vereins ist mittlerweile recht hoch – sind viele Mitglieder doch mit dem Verein über die Jahre älter geworden. Möchtet Ihr Teil des Vereins werden und Euch engagieren? Die Herren freuen sich über neue Mitglieder – sprecht sie einfach an.

Was uns natürlich auch interessiert hat an dem Abend ist die Geschichte, wie Eschelbronn zum Schreinerdorf wurde.

Eschelbronn – vom armen Frohndorf zum Schreinerdorf

Wer aus dem Kraichgau stammt, weiß, Eschelbronn ist das Schreinerdorf. Aber warum eigentlich? Dafür springen wir mit Euch zurück ins 19. Jahrhundert. Um 1870, vermutlich 1871, ging Georg Adam Kaiser auf die Walz und traf im Südbadischen Lahr auf den Schweizer Johannes Reimann. Reimann zeigt Georg Adam Kaiser das Furnierhandwerk. Georg Adam erkennt schnell, welches Potential das Furnierhandwerk hat und bringt ihn mit nach Eschelbronn. Dort verliebt sich der Schweizer Johannes Reimann in eine Eschelbronnerin, bleibt somit hier und gibt sein Wissen über das Furnierhandwerk an die anderen Schreiner im Ort weiter.

Adam Kaiser mit Gesellen im Jahr 1882. Adam Kaiser Junior und Adam Kaiser Senior sitzend in der mittleren Reihe – jeweils mit Hut. Copyright: Ortschronik Eschelbronn 1989. Repro durch Hans-Peter Miesel.

1876 wird der Bahnhof in Eschelbronn von der Großherzoglichen Badischen Eisenbahnlinie in Betrieb genommen – ein großer Vorteil für die Eschelbronner Schreiner und der Beginn des Wachstums. Mussten bis dahin die Möbel zu Fuß oder mit dem Pferde Fuhrwerk transportiert werden, konnten diese nun einem viel größeren Kundenkreis vorgestellt werden. Im Jahr 1925 wurden bei 1135 Einwohnern 54 Schreinereien gezählt, im Jahr 1938 sogar dann 60 Schreinereien. Eine der größten Möbelfabriken im Ort war Philipp Ernst. Er verlegte sehr früh seinen Betrieb in die Schulstraße. Dort wuchs das Unternehmen stetig an und hatte im Jahr 1960 bereits 200 Mitarbeiter. Das ganze Leben im Ort richtete sich nach dem Betrieb von Philipp Ernst. Morgens um 7Uhr ertönte die Sirene zum Beginn und um 17Uhr schließlich endete die Arbeit – der ganze Ort deswegen, da auch die Bauern die Sirene der Fabrik für die Einteilung ihres Alltags nutzten. Bereits damals wurde etwas für die „Vereinbarkeit“ gemacht – die Frauen konnten früher den Betrieb verlassen, um zu Hause essen zu kochen und die Hausarbeit zu verrichten. Viele Häuser hätten in dieser Zeit nicht gebaut werden können, wenn die Frauen nicht aktiv mitgearbeitet hätten.

Blick auf das Unternehmen Philipp Ernst, im Jahr 1968. Copyright: von Hans-Peter Miesel zur Verfügung gestellt.

Schauen wir heute auf Eschelbronn, so stellen wir fest, dass es keine 60 Schreinereien mehr gibt. Richtig. Die Blütezeit nach dem zweiten Weltkrieg war zwischen den 50er und 80er Jahren, sogar eine eigene Berufsschule für die Schreiner wurde in den 50er Jahren hier in Eschelbronn angesiedelt.

Die Gewerbeschule, 1954. Copyright: zur Verfügung gestellt von Hans-Peter Miesel.

Die letztendliche Katastrophe kam dann schließlich 1994 mit dem Jahrhunderthochwasser, was die Schreinereien sehr stark getroffen hat. Die Schreinereien, die heute noch in Eschelbronn ansässig sind, stehen weiterhin für exzellente Handwerkskunst. Und das ist es auch, wie es Rainer Heilmann an diesem Abend sehr schön zusammengefasst hat „Schreiner sind Künstler für mich. Die sehen beim Fällen im Wald schon, wie das Möbelstück hinterher aussieht!“

Wenn Ihr Euch mehr mit dem Schreinerdorf beschäftigen möchtet, dann schaut unbedingt das Schreinermuseum an. Dort wird das Schreinerhandwerk und die Entwicklung in Eschelbronn sehr anschaulich erklärt und dargestellt – inklusive einer Furnierpresse und einer „richtigen“ Schreinerei mitten im Museum.

Ein Blick ins Schreinermuseum. Copyright Hans-Peter Miesel.

Wir verlassen nun aber das Schreinerhandwerk und machen uns auf die Suche, was Eschelbronn für die vier Herren so lebenswert macht.

Eschelbronn – das lebenswerte Ort

Eschelbronn ist lebenswert – die Aussage viel mehrfach an diesem Abend. Aber was macht einen Ort lebenswert? Dieser Frage ging auch Roland Wolf nach unserem Gespräch nach und seinen Artikel könnt ihr in der Rhein-Neckar-Zeitung nachlesen. Steigen wir ein in die Suche, was Eschelbronn lebenswert macht. Eschelbronn ist eigenständig und spannenderweise ist von der „Landflucht“ hier nichts zu spüren. Eschelbronn wächst. Gerade wurde ein neues Baugebiet Richtung Neidenstein erschlossen. Es gibt Ärzte, Physiotherapeuten, Handwerker und und und. „Alles was man braucht“ stellt Hans-Peter Miesel fest und betont, dass nahezu alles ebenerdig ist und somit Rollstuhl geeignet. Das in Verbindung mit der Natur und der S-Bahn – das ist das, was lebenswert ist!

„Auch der Zusammenhalt durch die Vereine ist spürbar, viele Zugezogene wollen hier nicht mehr weg“, ergänzt Roland Wolf die Aussage von Hans-Peter Miesel. Über 30 Vereine gibt es mittlerweile in Eschelbronn, die alle gemeinsam für ein tolles Miteinander vor Ort stehen.

Ebenfalls hat Eschelbronn noch eigenes Quellwasser – halb, halb mit dem Bodensee Wasser gemischt fließt es durch die Leitungen. Die Quelle ist so groß, dass auch das Wachstum des Orts kein Problem darstellt. Es sprudelt nach wie vor das Quellwasser – darum wurde die letzten Jahre auch immer wieder gekämpft. Gab es doch schon öfters Initiativen, dass Quellwasser eben nicht mehr zuzulassen. Aber nicht mit den Eschelbronnern. So wurden Gegengutachten erstellt und bis heute können die Eschelbronner auf ihr eigenes Wasser zurückgreifen.

„Allerdings darf man jetzt auch nicht einfach alles durch eine Blase sehen“, findet Roland Wolf. Von ehemalig 7 Gasthäusern, ist gerade einmal eines übrig geblieben. Zu wenig für die kulturelle Vielfalt die Dorfgemeinschaft.  

Aber trotz allem, „Wir haben ein gesundes Dorfleben“, da sind sich alle vier einig und vor allem ist es in Eschelbronn einfach lebenswert!

Die Lieblingsorte der vier Herren

Wie Ihr wisst, machen wir den Kraichgau erlebbar. Und somit haben wir natürlich die Chance genutzt und die vier Herren gebeten, uns ihren Lieblingsort von Eschelbronn oder ihren Lieblingsspaziergang zu verraten. Und hier sind sie:

  • Roland Wolf und Manfred Schmitt sind sehr gerne auf dem „Galgenbuckel“
  • Hans-Peter Miesel spaziert gerne den Rundweg, den er damals auch mit seiner Frau gegangen ist. Auf den weißen Berg, rüber nach Neidenstein zur Burg und zurück
  • Rainer Heilmann ist auch sehr gerne auf dem weißen Berg, genießt dort den Odenwaldblick und läuft dann mit Blick über Eschelbronn zurück ins Ort

Vielleicht trefft ihr ja mal den einen oder anderen, wenn ihr selbst unterwegs seid?

So vieles könnten wir Euch noch berichten, es war ein spannender und gleichsam informativer Abend mit einer Fülle an Informationen.

Und allein die vier live zu erleben, ist ein Erlebnis 😉 Daher haben wir uns gemeinsam mit den Herren überlegt: es wird – sobald es die Infektionszahlen zulassen – einen gemeinsamen Dorfrundgang mit anschließender Gesprächsrunde geben. Dort werden die Vier dann noch viel mehr über die Eschelbronner Geschichte berichten und vielleicht (oder sicherlich) auch die Strophe des Badnerlieds zum Besten geben:

„Im Kraichgau liegt mein Eschelbronn, es ist mein liebster Ort. Im Wiesental die Schwarzbach rauscht, ich möchte von hier nicht fort. Drum grüß ich dich mein Badnerland…“

Wir möchten zum Schluss dieses langen Blogbeitrags vor allem „Danke“ sagen. Vielen Dank Roland, Manfred, Hans-Peter und Rainer. Vielen Dank für eure vielen Infos, die Bilder, die WhatsApp Nachrichten, die gemeinsame Zeit. Die Zusammenarbeit mit euch ist einfach toll und wir freuen uns, dass diese weitergeht!

In diesem Sinne freut euch heute schon auf einen super spannenden Ortsrundgang und bleibt gesund!

Eure

Alina und Sarah

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